Dieser Beitrag von mir erschien etwas abgewandelt – deregionalisiert - in dem Hörkultur-Magazin „Hear the World”. Die Aufgabe: Das Thema „Laufen in der Natur” für hörsensible Leser aufbereiten. Daraus ist ein kleiner Rundlauf von der Berger Höhe in Wangen über Berg, Humbrechts und zurück geworden. Laufen/lesen Sie mit!
Läufer pflegen ihre Rituale: Noch schnell die Schürsenkel festziehen, die Enden in die Seiten der Schuhe stopfen, das Laufhemd in der Hose festzurren, einen prüfenden Blick in den Himmel und dann ein beherzter Druck auf die Starttaste des Pulsmessgeräts. Es geht los, endlich wieder hinaus in die Natur.
Die Pulsuhr piept gelangweilt vor sich hin; ein unangenehmer Ton, nicht sehr laut, aber penetrant genug, um das Tempo so zu steigern, dass die Pulsuhr zufrieden ist. Wer sich mit einem Puls von 120 bis 160 bewegt, darf von der Uhr unbehelligt in Ruhe laufen.
Läufer sind Routinemenschen und dabei sehr sensibel. Piept die Pulsuhr länger als sonst, löst das sofort eine innere Diskussion aus. Laufen gibt viel Raum für Selbstgespräche, die schnell den gesamten Sinnesraum einnehmen können. Dann sehen, riechen und hören Läufer nichts mehr. Außer der eigenen Stimme: „Der Puls ist so hoch, habe ich vielleicht zu viel gegessen; oder vielleicht werde ich krank; oder hätte ich besser die anderen Schuhe angezogen.“
Wenn die innere Stimme verstimmt
Wer eine flache Strecke an einem langen Fluss ohne große Abwechslung läuft, kann sich vielleicht den ganzen Lauf über nicht von den eigenen Stimmen und Gedanken im Ohr lösen. Wer aber, wie hier im Allgäu, ständig Hügel bezwingen muss, kommt ganz automatisch aus dem Denkrhythmus. Der Körper fordert schon genug Aufmerksamkeit.
Noch führt der Weg vorbei an grünen Wiesen, an Kühen, die mit ihren Kuhglocken freudig scheppern; Schmetterlinge flattern elegant vorbei, fette Landfliegen summen zufrieden vor sich hin. Die Grillen veranstalten ein tausendstimmiges Konzert, in den Bäumen sitzen die Sommervögel und singen vergnügt Ständchen füreinander. Aus der Ferne kreischen Sägeblätter um die Wette, wütend klingende Rasenmäher haben jetzt auch hier Hochsaison.
Doch nun geht es den ersten Hügel hoch, zum Bauern Diem. Die Atmung wird tiefer und schwerer, die Bronchien rasseln leise, das Herz pocht so laut als hätte es sich in einen Schlaghammer verwandelt. Das lässt sich auch die Pulsuhr nicht gefallen. Ein Puls von 174 geht gar nicht. Ein warnendes Piep-piep-piep-piep ertönt, Bauer Diem steht an seiner Hoftür und grinst. Verrückte Läufer! Sollten sie doch hier beim „Heibe“, dem Heuben helfen, da würden sie genug Kondition bekommen und müssten nicht so den Berg hochpfeifen.
Mit rasselnden Bronchien den Berg hoch
Manche Geräusche bekommen erst Bedeutung, wenn sie von einem schrilleren Geräusch überlagert werden. Der Klangteppich der im Tal friedlich dahin brummenden Autos auf der Bundesstraße nach Lindau und das friedliche Zirpen der Grillen wird jäh unterbrochen von einem Fiepsen in einem hohen Frequenzbereich, ähnlich dem Geräusch eines eingeschüchterten Bienenstocks.
Fiiiiiieeeep – so hört sich Strom an. Wie viele Landwirte in der Region, hat auch Herr Diem sein Hofdach komplett mit Solarzellen bedeckt. An diesem sonnigen Tag zieht Herr Diem eine Menge Strom aus der Sonne. Wenn er dem satten Surren der Wechselrichter lauscht, dann hört er gleichzeitig auch das Geld auf sein Bankkonto klimpern.
Ganz andere Klänge scheinen den Läufer zu bewegen, der sich nun auf der anderen Seite des Hügels hochschiebt. Auch er muss sich auf seine Atmung konzentrieren, er schnaubt gewaltig, selbst die umherstehenden Kühe wirken davon irritiert. Sein Kopf hängt angestrengt nach unten, er schaut starr auf die Straße. In seinen Ohren stecken weiße Kopfhörer. Er kommt immer näher, sieht nichts und hört nichts. Jedenfalls nichts von seiner Umwelt. Dann kommt es fast zu einem Zusammenstoß: Er merkt einfach nicht, dass da jemand mit viel Schwung und ziemlich trampelnden Geräuschen den Berg hinunter rennt und genau auf ihn zuläuft. Erst zwei Meter vorher schaut der iPod-Läufer auf, erschrickt und grummelt „huch, Tschuldigung“. Gut, dass es kein Auto war.
Schnelle Läufer laufen leiser
Gute Läufer hören auf ihren Körper, weniger Geübte nur auf die Pulsuhr. Je länger der Lauf dauert, um so wichtiger wird der Rhythmus. Das kann eine bestimmte Schrittfolge sein, aber auch subtile Geräusche. Zum Beispiel das Rascheln der schwingenden Arme an der Regenjacke oder das Halskettchen, das wie ein Pendel den Rhythmus vorgibt.
Meistens aber laufen sich die Läufer über das Atmen in einen regelrechten Trancezustand. Da hat jeder sein eigenes Rezept: Manche Läufer ziehen die Luft mit einem mehr oder weniger langen Zischen durch die Nase herein, um die Luft dann mit einem druckvollen Backenblaser im Stile eines Trompeters wieder herauszulassen; andere Läufer hecheln wie aufgeregte Labradorhunde kurz vor dem Sprung in einen See.
Es gibt auch die „Nasenläufer“, die nur mit der Nase ein- und ausatmen. Mit solchen Läufern kann man während des Laufs kaum etwas anfangen. Denn wer will sich schon mit einem Blasebalg unterhalten, der so aufgeregte Geräusche macht als müsste er gerade die Holzkohle im Grill befeuern?
Der ruhige Läufer gewinnt
Schnelle Läufer sind die wahren Leisetreter im Wald: Die Atmung ist so austariert, dass höchstens ein kurzes „pfffft“ entweicht. Aus dem Mund. Die Füße kommen in solch einem Winkel auf dem Boden auf, dass sie dort nicht lange bleiben und beim Abdrücken höchstens ein paar kleine Steinchen in die Luft wirbeln — während bei anderen Läufern die Steine unter den Schuhen laut knirschen und jeder Schritt auch der Abschlusspaukenschlag eines Orchesters sein könnte.
Wer leise läuft, kann gleichzeitig mehr hören. Das zahlt sich dann bei Wettkämpfen aus: Wenn zwei Läufer kurz vor der Ziellinie sind, gewinnt meistens der weniger Laute. Wer zu laut atmet oder zu oft mit den Schuhen am Boden entlang schleift, signalisiert seinen Gegnern Müdigkeit. Aber selbst darauf kann man sich nicht verlassen.
Ganz gewiefte Läufer täuschen einen nahenden Schwächeanfall vor, indem sie stöhnende Tennisspieler im fünften Satz nachahmen. Und das nur, um dann ganz überraschend und leise wie ein schurrendes Kätzchen kurz vor dem Ziel am Gegner vorbeizuziehen.
Was knistert da in den Büschen?
Die gute Nachricht: Leise laufen kann jeder, ganz unabhängig von X-Beinen, Senk-, Knick- oder Spreizfüßen. Oft reicht schon ein „Versuch‘ einfach leiser zu laufen“, um feinpsychologisch-motorische Vorgänge in Gang zu setzen, so dass selbst notorische Trampler im Wald vielleicht mal ein Reh davon hüpfen sehen, die Brombeerensucher hinter den Büschen knistern hören oder einfach nur dem Rascheln des Windes in den Bäumen folgen können.
Das Laufen in der Natur bietet an jedem Tag, zu jeder Tageszeit und zu jeder Jahreszeit immer wieder ein anderes Hörerlebnis und ist viel abwechslungsreicher als jede Musik — wenn man sich darauf einlässt: Das Trommeln des Regens auf der Straße, das Knirschen der Schritte im Schnee und die nostalgische Ruhe im Winter, die nur von dem Geschrei der Krähen unterbrochen wird, schärfen unser Bewusstsein für unseren Körper, Seele und für unsere Umwelt.
Kurz vor der Haustüre drängen dann doch wieder die Geräusche der Nachbarschaft ins Ohr: Autos bremsen, auf den Dächern wird gehämmert, irgendwo eine Tür zugeschlagen, der Müllcontainer quietschend geöffnet. Jetzt schnell noch die Schnürsenkel lösen, Schuhe abstreifen, die Erde abklopfen und dann wieder hinein ins laute Familienleben. Nur die Pulsuhr piept noch lange traurig vor sich hin. Sie wartet schon auf den nächsten Lauf ins Grüne.
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