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Energiestadt Isny: mit wissenschaftlicher Unterstützung Vorbild für die gesamte Region

5 Januar 2010

Im zweiten Teil meiner Miniserie über die Freien Energiestädte und das Bestreben der Städte hier im Allgäu, unabhängig von Ol und Gas zu werde berichte ich über die Bestrebungen in Isny, einem sonnigen Ort im Dreiländereck, etwa 40 Kilometer vom Bodensee entfernt.

isnyWarum interessiert sich ein Klimaforscher des Instituts für Umweltphysik in Heidelberg ausgerechnet für die Energiewende in Isny, einer Stadt im Allgäu, die etwa 35 Kilometer vom Bodensee entfernt direkt an der an der Hauptroute der Oberschwäbischen Barockstraße liegt?

Der Mann muss eine besondere Beziehung zu der Stadt und ihren 14.500 Einwohnern haben: Professor Dr. Klaus Pfeilsticker ist in Isny aufgewachsen und wenn er nicht gerade in Heidelberg, auf Flughäfen oder sonst wo unterwegs ist, kommt er immer wieder zurück nach Isny, um hier aufzutanken.

Schließlich weist Isny eine geografisch und klimatisch herausragende Lage aus: Direkt vor Isny baut sich der 1118 Meter hohe Adelegg-Berg auf und beschert Isny eine Stauwetterlage, die zwar mitunter kurze und heftige Regenfälle bringt, aber ansonsten Isny weitgehend nebelfrei hält. Sonnig ist es hier. Durchschnittlich 2000 Sonnenstunden pro Jahr.

Im Oktober 2007 hielt Pfeilsticker im Rathaus Isny einen Vortrag, in dem er einen ersten Plan für die energieautarke Stadt skizzierte. Er wollte seine Erfahrungen und Ideen als Klimaforscher im Mikrokosmos Isny einbringen und hier etwas bewegen. Ein halbes Jahr später fand der 1. Isnyer Energiegipfel statt, auf dem Pfeilsticker seine Botschaft schon klar formulierte: Die Stadt solle weitgehend energieautark werden und zwar möglichst schnell. Das saß. Er konnte die Herzen der Isnyer gewinnen, schnell bildeten sich sieben Arbeitsgruppen, die Maßnahmen in verschiedenen Bereichen der erneuerbaren Energien entwickelten.

Im November 2008 entstand aus der “Grass Roots”-Initiative von Pfeilsticker ein eingetragener Verein, das “Regionale Energieforum – REFI” mit dem Vorsitzenden Manfred Behrning, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Isny.

Energieforum Isny – Bürger mobilisieren, Gruppen formieren

Der 2. Energiegipfel im Februar 2009 sollte nicht nur Visionen aufzeigen, sondern auch konkrete Maßnahmen zur Energiewende vorstellen. Pfeilsticker rechnete beim zweiten Energieforum vor, dass der Umstieg für den stationären Energiebedarf lokal machbar durch Energiesparen und den Einsatz von erneuerbaren Energien sei — und das ohne Mehrkosten und ohne staatliche Investitionen. Die Stadt Isny und deren Bewohner benötigen im Jahr etwa 95,5 Millionen kWh Strom und für die Wärmeerzeugung 227 Millionen kWh.

In verschiedenen Hochrechnungen zeigte Pfeilsticker, dass der Umstieg auf eine Energieversorgung, die ohne fossile Brennstoffe auskommt, als erstes Energie eingespart werden muss: insbesondere im Bereich der häuslichen Wärmenutzung, die durch Neubauten und Sanierungen reduziert werden muss (Pfeilsticker berechnet hier in seinem Modell eine mögliche Energieeinsparung von 50 Prozent bei Wohngebäuden ein) und in der Stromversorgung für die Beleuchtung , Kraftstrom und Heizung (-20 %). Strom für Isny soll dann durch einen Mix aus Photovoltaik (20%), Wind (25%), Kraft-Wärme-Kopplungsanlage Holz (25%), KWK Biogas (14,4%), Hydroenergie (1,1%) und regenerative Energiezufuhr der EnBW (14,5%) erzeugt werden.

Wissenschaflich ermittelter Energiemix

Die Wärme soll nach Plänen von Pfeilsticker aus Solarthermischen Anlagen (7%), KWK Biogas (7%) und KWK Holz (35%) generiert werden – also alles regional erzeugt, ohne Abhängigkeiten von russischen Gas- und Öllieferungen. In einer anderen Berechnung kalkuliert Pfeilsticker ein Szenario, das auch den Verkehr, den Einsatz von elektrischen Autos, mit einbezieht.

Pfeilsticker hat schon einiges an Vorarbeit geleistet. Er hat analysiert, welche erneuerbaren Energien in Isny sinnvollen wären, welche Maßnahmen und Kosten auf die Isnyer Bürger zukommen würden und vor allem welche Chancen ein solcher Umstieg auf eine lokale Energieversorgung für die Stadt bringen würden. Das Geld für die Energie würde dann nicht mehr ins Ausland fließen, sondern die lokale Energiewirtschaft ankurbeln. Pfeilsticker rechnet mit einem Marktpotenzial von derzeit etwa 33 Millionen Euro im Jahr – viel Potenzial für findige Ideen und Lösungen. Gleichzeitig würde sich die Preissicherheit erhöhen, von der erhöhten Luftqualität durch die Maßnahmen würde auch der lokale Tourismus profitieren.
In Isny berechnen Schüler freie Dachflächen

Von der Energiewende haben vor allem unsere Kinder und Enkelkinder etwas: weniger Unabhängigkeiten, gute Lebensqualität, Sicherheit. Doch schon jetzt kann die junge Generation mitmachen. Das dachte sich auch David Amann, Lehrer am Isnyer Gymnasium. Amann diskutierte die Ergebnisse des 1. Energiegipfels mit seinen Schülern und er motivierte seine Schüler dazu, die Thesen von Pfeilsticker in der Praxis zu überprüfen: Stimmt die Annahme Pfeilstickers, dass PV-Anlagen in Isny 30 MW oder mehr Leistung bringen? Wie soll man das nachprüfen? Am besten schaut man sich jedes Dach an und beurteilt, ob sich das Dach für PV-Anlagen eignet und wie viel Leistung das Dach bringen könnte. Ein ambitioniertes Projekt, aber mit modernen Mitteln machbar. Die Schüler schauten sich anhand der Google Map von Isny alle Häuser aus der Vogelperspektive an und unterteilten die Dächer in “gute”, “nicht so gute” und “weniger gut geeignete Dächer”.

Die guten Dächer wurden mit einem grünen Rahmen umrandet und dann anhand Schätzungen der Schüler die potenzielle Gesamtleistung der Dächer berechnet. Die Sisyphusarbeit hat sich gelohnt. Auch die Schüler haben berechnet, dass die Dachflächen Isnys insgesamt 30 MW Leistung bringen könnten. Jetzt fehlen nur noch die PV-Anlagen auf den Dächern. Dabei stellten die Schüler fest, dass vor allem die Firmendächer gut ausgerichtet sind. Die nächsten Schritte sind daher, die Firmen anzuschreiben und ihnen zu erklären, dass sie unter einem Dach sitzen, das nicht nur gute Rendite bringen würde, sondern auch etwas zur Energiezukunft Isnys beitragen könnte. Eine solche Initiative sollte sich doch auch in anderen Gemeinden auf die Beine stellen lassen. Die Schüler bekommen einen konkreten Bezug zur Situation und lernen gleichzeitig auch noch etwas für die Fächer Geografie, Physik, Mathematik und Heimatkunde.

Strom wird lokal erzeugt, dadurch wird es aber nicht unbedingt günstiger

Niemand weiß, welche technologischen Sprünge es noch im Bereich der Erneuerbaren Energien geben wird. Noch sind die erneuerbaren Energien im Vergleich zum günstigen Öl und Gas erheblich teurer, vor allem die PV. Nach den Berechnungen von Prof. Pfeilsticker liegen die Kosten für Energie in Isny bei etwa 4.46 Tausend Euro pro Einwohner und Jahr. 2050 sollen nach seinem Szenario die Kosten zwar etwas höher liegen (4.67 Tausend Euro pro Einwohner und Jahr), obwohl die Kosten für regenerativen Energien weitaus teurer bleiben als die bisherigen Energiekosten. Die Rechnung könnte aufgehen, weil weniger Energie benötigt wird. Gerade deswegen ist es wichtig, zunächst den Energiebedarf zu reduzieren, um dann zu sehen, wie man diesen Bedarf mit erneuerbaren Energien decken kann.

Während in Nachbargemeinden wie in Wangen BürgerEnergiegenossenschaften in Zusammenarbeit mit dem Stromversorger EnBW gegründet wurden, setzt Isny auf eine “Freie Energiegenossenschaft Isny eG”, die unabhängig von Stromanbietern bleiben soll. Mitte Juli 2009 wurde die Energiegenossenschaft gegründet. Die Mindestbeteiligung beträgt 100 Euro, schon jetzt stehen verschiedene Projekte in den Startlöchern. Nun geht der Plan von Pfeilsticker in die nächste Runde, denn die lokalen Experten sind weitgehend im Boot, genug Sonne ist in Isny vorhanden und der Wille zur Energiewende auch.
Nun müssen die Bürger weiter mobilisiert werden.

Weitere Informationen:
>> REFI – Regionalforum Isny
>> Präsentation Energiekonzept Isny von Prof. Dr. Pfeilsticker

In der nächsten Folge geht es um Leutkirch, eine Stadt, die Solarbundesligameister ist und in der überhaupt einiges voran geht – warum wohl? Lesen Sie es demnächst.

Energiewende von unten: Die „Freien Energiestädte“ kommen

31 Dezember 2009

Während große deutsche Industriekonzerne über Strom aus der Sahara diskutieren, Stadtwerke aus dem Südwesten gemeinsam einen Windpark in der Nordsee bauen wollen, organisieren sich überall in Deutschland Kommunen, um lokal so unabhängig wie möglich von fossilen Brennstoffen zu werden. Auf dem Weg zur „Freien Energiestadt“ sind noch einige Hürden zu nehmen.

Im Allgäu und in der Bodensee-Region bewegt sich etwas: In den Städten formieren sich zunehmend Interessengemeinschaften, die nicht nur aus hartgesottenen „Ökos“ bestehen, sondern auch Vertreter aus der Wirtschaft, den Tourismusämtern, der Stadt und interessierte Bürger beinhalten. In vielen Städten haben die lokalen Bestrebungen für regelrechte Aufbruchstimmung gesorgt. Denn mittlerweile hat sich bei den Bürgern herumgesprochen, dass von einer Energiewende, bei der Wärme und Strom lokal generiert werden, jeder profitiert: Statt Geld für Strom und Gas aus Russland auszugeben, bleibt das Geld in der Region, bei lokalen Stromerzeugern und bei lokalen Unternehmern, die wiederum mehr Arbeitsplätze und Umsatz in der Stadt sorgen.

Auch das ist bei den Bürgern angekommen: Wer jetzt in lokale Erneuerbare Energieprojekte investiert, kann nicht nur mit hohen Renditen rechnen, sondern hat eine ganz andere Beziehung zu seiner Investition, die vielleicht nur ein paar hundert Meter entfernt auf einem Schuldach installiert ist und bei jedem Vorbeifahren Identifikation mit den lokalen Zielen schafft. Zunehmend bemerken auch die Tourismusämter, dass Solaranlagen auf den Dächern kein Hinderungsgrund für Touristen sind — sondern im Gegenteil: Eine Stadt, die überwiegend oder komplett von lokalen Erneuerbaren Energien gespeist würde, könnte sich als „Freie Energiestadt“ differenzieren und wiederum kaufkräftige, umweltbewusste Touristen anziehen.

Sonnige Aussichten: Mittelstädte organisieren sich

Ein Blick auf den aktuellen Stand der Solar-Bundesliga zeigt, dass bei den kleinen Städten die ersten 17 Städte von Städten aus Bayern und Baden-Württemberg angeführt werden. In kleinen Gemeinden ist es allerdings erheblich einfacher, die Mitbewohner für ein solches Projekt zu begeistern, da lässt sich der Quotient Watt/Einwohner schnell hoch bewegen. Gerade deswegen spielen Großstädte in der Gesamt-Bundesliga auch kaum eine Rolle. Spannend wird es aber bei den Mittelstädten mit einer Einwohnerzahl von 20.000 bis 99.000. Hier müssen mehr Bürger mobilisiert werden, gleichzeitig kann mit viel Einsatz und cleveren Ideen aber immer noch schnell eine „kritische Masse“ erreicht werden. Ein Blick in die Solar-Bundesliga zeigt, dass hier die ersten 5 Städte aus Baden-Württemberg und mit Leutkirch (Spitzenreiter) und Wangen (Platz 5) allein zwei Städte aus dem Oberschwabenkreis kommen (wobei Nachbar Bad Wurzach als wohl „grünste Stadt“ der Region nicht bei der Solar-Bundesliga gemeldet ist). Woran liegt das?

Schon klimatisch bietet das Allgäu und der Bodenseekreis viel Potenzial: Die solare Einstrahlung liegt im Allgäu insbesondere in den Gemeinden oberhalb 500 Meter bei etwa 1180 kWh/qm/Jahr. Während im Baden-Württembergischen Teil Windenergie so gut wie nicht eingesetzt wird — das beleuchten wir separat — nimmt im bayerischen Teil des Allgäus die Windenergie ein zunehmend gewichtigere Rolle ein. Prof. Dr. Pfeilsticker, Klimaforscher der Universität Heidelberg, hat ausgerechnet, dass die bei einer Windgeschwindigkeit von 5 m/s die Energiedichte bei 0.125 kW/qm oder bei 2400 Volllaststunden 250 kWh/qm/Jahr liegt.

Da nach Pfeilsticker der Nachwuchs an Biomasse bei 5 kWh/qm/Jahr liegt, braucht man auch im Allgäu für das Einsammeln der regenerativen Energien eine entsprechend große Fläche. Pfeilsticker: „Wenn man die Bürger mit regenerativen Energie versorgen will, ist für jeden von uns eine Fläche von circa 1 Hektar notwendig. Hinzu kommt das jeder Bundesbürger etwa 1/2 Hektar nur für seine Nahrungsmittel braucht.“ In vielen Gemeinden steht aber nicht so viel Land zur Verfügung. Beispielsweise leben in der Gemeinde Isny 14.500 Einwohner auf 8400 Hektar Fläche. Das bedeutet, dass die Isnyer eine Fläche von mindestens 20000 Hektar für die Nahrungsmittelversorgung und die Energieversorgung benötigen würden, um energieautark zu werden.

Größte Herausforderung: Wie motiviert man die Bürger zum Mitmachen?

Wenn schon in Gemeinden, in denen relativ wenige Menschen auf einem großen Stück Land leben, rein rechnerisch noch zu wenig Platz für die konsequente Erzeugung Erneuerbare Energien zu Verfügung steht, dann muss zunächst Energie eingespart werden. Gleichzeitig muss die lokal produzierte Erneuerbare Energie effizient generiert werden und dann technisch, wirtschaftlich politisch oder kulturell umstrittenere Technologien wie Windkraft, Geothermie oder Wasserkraft eingesetzt werden, um die Energiewende sauber umzusetzen. Daraus ergeben sich viele technisch und logistisch komplizierte Konfigurationen, die Bürger schnell verwirren und entmutigen.

Denn auch das ist klar: Es gibt keinen goldenen Weg zur „Freien Energiestadt“. Jede Stadt hat andere klimatische, wirtschaftliche, politische und kulturelle Voraussetzungen. Eine große Herausforderung ist es dabei, die Leidenschaft der Bürger zu entfachen. Denn nur, wenn die Bürger sich mit dem Projekt identifizieren, stolz auf die Erfolge sind und dabei bleiben, haben solche Projekte eine Chance. In der Serie werden wir daher exemplarisch die verschiedenen Ansätze von schwäbischen und bayerischen Mittelstädten im Allgäu untersuchen — und zwar nicht nur darauf, welche technischen Ansätze und Stoßrichtigen es gibt, sondern vor allem, wie die Projektantreiber die Bürger und Interessengruppen für langfristige Projekte motivieren, an welchen Stellschrauben gedreht werden. Vieles davon lässt sich auch in anderen Regionen Deutschlands umsetzen.

Bald stellen wir Ihnen im ersten Teil der Serie die Bestrebungen der Stadt Isny vor, die mit wissenschaftlicher Unterstützung Transparenz und Vorbildcharakter für die gesamte Region erreichen will.