In unserer Miniserie über die lokale Energiewende habe ich schon letztes Jahr im Oktober mit Herrn Professor Dr. Klaus Pfeilsticker gesprochen. Er lehrt am Institut für Umweltphysik. Da er in Isny aufgewachsen ist, unterstützt er Isny als treibende Kraft dabei, langfristig eine CO2 freie Energieversorgung zu erreichen.
Herr Pfeilsticker, wie sieht Ihr Szenario für das Jahr 2020/2025 in Isny aus. Was wird sich bis dahin in Isny verändert haben?
Als Umweltphysiker und Klimaforscher erhoffe ich mir, dass die Stadt Isny und viele anderen Gemeinden bis zum Jahr 2020/2025 wesentliche Schritte auf dem Weg einer CO2 emissionsarmen oder sogar CO2 freien Energieversorgung gemacht haben werden. Denn nur dann lässt sich das Ziel der UNEP (United Nation Environmental Programme) einer maximalen Erwärmung des Weltklima um weniger als 2 Grad zum Nutzen kommender Generationen auch erreichen.
Dazu gehört insbesondere, dass bis dahin die absehbar endlichen fossilen Energieträger wie Kohle, Öl, Gas und Erdgas nicht mehr für die Gebäudeheizung, zur Stromgewinnung und für viele Konsumprodukte verbraucht werden, da sie stets klimaschädliches CO2 emittieren.
Alternativ muss die zukünftige Energieversorgung auf Energiesparen und Effizienzsteigerung, sowie den Einsatz regenerativer Energien wie der Sonne, Biomasse, Wind, Wellen und Geothermie setzen. Weiterhin sollten auch wesentliche Schritte im Verkehr weg von Benzin, Diesel und Gas in Richtung Elektromobilität, d.h. durch die Nutzung von Strom aus regenerativen Energiequellen für Mobilitätszwecke gemacht sein. So ist gerade die Kombination einer Stromgewinnung aus regenerativen Quellen und die Elektromobiliät ein ideales symbiotisches Paar, denn Produktionsspitzen und Flauten dieser Energiequellen lassen sich über entsprechende Batterien in den Fahrzeugen ideal kompensieren.
Konkret für Isny und ähnlich strukturierte Gemeinden muss daher das Ziel sein, möglichst viel Energie vor allem im Gebäudebereich und bei der Industrie einzusparen und auf Energieeffizienz zu setzen. Letztere lässt sich vor allem durch die gleichzeitige Produktion von Strom und Wärme mit Hilfe von biogenen Kraftwärmekopplungsanlagen entscheidend verbessern, da man mit ihnen einerseits der Wärmebedarf für Gebäude im historischen Altbestand, Gewerbe und Industrie gedeckt werden und anderseits Strom im sonnenarmen Winterhalbjahr produziert werden kann.
Wenn diese Maßnahmen zügig in Angriff genommen werden, ließen sich bis 2020/2025 etwa 75% der CO2 Emissionen in Isny und auch anderswo vermeiden. Gleichzeitig könnte man die externen Energiekosten von heute etwa 32 Millionen Euro pro Jahr alleine für die Gemeinde Isny einsparen und im lokalen Energiemarkt einsetzen.
Wo und wie werden die Isnyer von der lokale Energiewende profitieren? Was bedeutet das für die Wirtschaft und den Tourismus?
Der Vorteil des Energiesparens sowie der Nutzung regenerativer Energien, die ja zumeist lokal erzeugt und verbraucht werden, liegt ganz eindeutig in der Ankurbelung der lokalen Wirtschaft, denn sie bieten viele neue Einkommensmöglichkeiten. So lassen sich mit der Energierechnung von etwa 8 % des Bruttosozialproduktes sicher langfristig 600 neue Arbeitsplätze im Isnyer Energiemarkt sichern.
Denken Sie dabei einfach an die Einkommensmöglichkeiten für Handwerker bei der Gebäudesanierung, der Landwirtschaft bei der Produktion von Biomasse (Gas und Holz) sowie der Nutzung von Solarenergie auf den großen Dächern Allgäuer Landwirtschaftgebäude, oder auch an neue Berufe die u.a. bei dem Betrieb von Kraftwärmekooplungsanlagen, beim Unterhalt von Energiemanagement-Systemen, oder jene, die um den Markt der Elektromobiliät entstehen oder erhalten bleiben.
Natürlich wird auch der Bildungstourismus stark von der Entwicklung auf dem Energiemarkt profitieren, denn wenn in unserer Region die energetische Zukunft der Welt vorgelebt wird und wir die technischen, organisatorischen und betrieblichen Lösungen für eines der drängendsten Probleme der Menschheit — eben die Ressourcenverknappung und den Klimawandel .. anbieten, dann bin ich mir sicher, dass die anderen strukturellen Probleme des regionalen Tourismus schon durch die Größe des „Energieangucktourismus“ in den Hintergrund treten werden.
Ihre Pläne für die Energiewende in Isny stehen, es haben sich Arbeitsgruppen gebildet und mit der Energiegenossenschaft sind Sie auf Kurs. Wie mobilisieren Sie nun die Isnyer, die mit dem Begriff “Energiewende” nichts anfangen können?
Im Anschluss an die beiden Energiegipfel haben sich Arbeitsgruppen zu den unterschiedlichen Energiethemen gebildet, die aber inzwischen in dem neuen Verein ‘Regionales Energieforum Isny (REFI e.V.)’ integriert sind, und deren Aktivitäten teilweise eine notwendige Professionalisierung erfahren haben. So hat sich inzwischen eine „Freie Energiegenossenschaft Isny“ gegründet, die kräftig in die Nutzung des heimischen Photovoltaikpotenzials investiert und damit das notwendige Eigenkapital bildet, das man in großem Umfang bei der Lösung komplexerer Probleme brauchen wird, beispielsweise für den aus Energieeffizienzgründen und Luftverschmutzungsgründen notwendige Einstieg in die Kraftwärmekopplung bei der Gebäudeheizung oder auch für Investitionen in Windenergie, Geothermie, oder den Betrieb lokaler Wärme-, Strom- und Telekommunikationsnetze.
Andere Städte wollen ebenfalls Energiestädte werden. Welche Voraussetzungen müssen in der Stadt vorhanden sein oder geschaffen werden, um solche Projekte wie in Isny langfristig anzuschieben? Welche Ratschläge können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus geben?
Im Grunde genommen kann und sollte sich jede Gemeinde das Thema Energieversorgung und Klimaschutz zu eigen machen, denn viele sinnvolle Lösungsansätze sind nur durch lokale Maßnahmen zu verwirklichen — weil eben dort heute die meiste Energie verbraucht und somit auch eingespart werden kann. Vor Ort wird wohl in Zukunft auch die meiste regenerative Energie produziert bzw. eingesammelt werden müssen, um den lokalen Energiebedarf zu decken.
Weiterhin rate ich eigentlich grundsätzlich jeder Gemeinde die lokalen Gegebenheiten genau unter den Aspekten Energieverbrauch und Energieversorgung unter die Lupe zu nehmen und sich dabei stets solche Maßnahmen zuerst vorzunehmen, die sich gut umsetzen und auch der Bevölkerung vermitteln lassen. Dabei sollte zumeist der Schwerpunkt auf Energieeinsparung und Effizienzsteigerung liegen, denn diese Maßnahmen wirken langfristig am Besten und sind zumeist auch profitabel.
Bei der Umsetzung werden die Bürger dann die Erfahrung machen, dass sie ihre lokal erworbene Expertise in Energie- und Klimafragen unabhängiger vom Wissen externer Experten und dem weltweiten Energiemarkt und seinen Unwägbarkeiten macht. Die lokale Wirtschaft wird bei der Nutzung der vielen lokalen Möglichkeiten weiter gestärkt hervorgehen.
