Energiewende von unten: Die „Freien Energiestädte“ kommen

31 Dezember 2009 von admin Kommentieren »

Während große deutsche Industriekonzerne über Strom aus der Sahara diskutieren, Stadtwerke aus dem Südwesten gemeinsam einen Windpark in der Nordsee bauen wollen, organisieren sich überall in Deutschland Kommunen, um lokal so unabhängig wie möglich von fossilen Brennstoffen zu werden. Auf dem Weg zur „Freien Energiestadt“ sind noch einige Hürden zu nehmen.

Im Allgäu und in der Bodensee-Region bewegt sich etwas: In den Städten formieren sich zunehmend Interessengemeinschaften, die nicht nur aus hartgesottenen „Ökos“ bestehen, sondern auch Vertreter aus der Wirtschaft, den Tourismusämtern, der Stadt und interessierte Bürger beinhalten. In vielen Städten haben die lokalen Bestrebungen für regelrechte Aufbruchstimmung gesorgt. Denn mittlerweile hat sich bei den Bürgern herumgesprochen, dass von einer Energiewende, bei der Wärme und Strom lokal generiert werden, jeder profitiert: Statt Geld für Strom und Gas aus Russland auszugeben, bleibt das Geld in der Region, bei lokalen Stromerzeugern und bei lokalen Unternehmern, die wiederum mehr Arbeitsplätze und Umsatz in der Stadt sorgen.

Auch das ist bei den Bürgern angekommen: Wer jetzt in lokale Erneuerbare Energieprojekte investiert, kann nicht nur mit hohen Renditen rechnen, sondern hat eine ganz andere Beziehung zu seiner Investition, die vielleicht nur ein paar hundert Meter entfernt auf einem Schuldach installiert ist und bei jedem Vorbeifahren Identifikation mit den lokalen Zielen schafft. Zunehmend bemerken auch die Tourismusämter, dass Solaranlagen auf den Dächern kein Hinderungsgrund für Touristen sind — sondern im Gegenteil: Eine Stadt, die überwiegend oder komplett von lokalen Erneuerbaren Energien gespeist würde, könnte sich als „Freie Energiestadt“ differenzieren und wiederum kaufkräftige, umweltbewusste Touristen anziehen.

Sonnige Aussichten: Mittelstädte organisieren sich

Ein Blick auf den aktuellen Stand der Solar-Bundesliga zeigt, dass bei den kleinen Städten die ersten 17 Städte von Städten aus Bayern und Baden-Württemberg angeführt werden. In kleinen Gemeinden ist es allerdings erheblich einfacher, die Mitbewohner für ein solches Projekt zu begeistern, da lässt sich der Quotient Watt/Einwohner schnell hoch bewegen. Gerade deswegen spielen Großstädte in der Gesamt-Bundesliga auch kaum eine Rolle. Spannend wird es aber bei den Mittelstädten mit einer Einwohnerzahl von 20.000 bis 99.000. Hier müssen mehr Bürger mobilisiert werden, gleichzeitig kann mit viel Einsatz und cleveren Ideen aber immer noch schnell eine „kritische Masse“ erreicht werden. Ein Blick in die Solar-Bundesliga zeigt, dass hier die ersten 5 Städte aus Baden-Württemberg und mit Leutkirch (Spitzenreiter) und Wangen (Platz 5) allein zwei Städte aus dem Oberschwabenkreis kommen (wobei Nachbar Bad Wurzach als wohl „grünste Stadt“ der Region nicht bei der Solar-Bundesliga gemeldet ist). Woran liegt das?

Schon klimatisch bietet das Allgäu und der Bodenseekreis viel Potenzial: Die solare Einstrahlung liegt im Allgäu insbesondere in den Gemeinden oberhalb 500 Meter bei etwa 1180 kWh/qm/Jahr. Während im Baden-Württembergischen Teil Windenergie so gut wie nicht eingesetzt wird — das beleuchten wir separat — nimmt im bayerischen Teil des Allgäus die Windenergie ein zunehmend gewichtigere Rolle ein. Prof. Dr. Pfeilsticker, Klimaforscher der Universität Heidelberg, hat ausgerechnet, dass die bei einer Windgeschwindigkeit von 5 m/s die Energiedichte bei 0.125 kW/qm oder bei 2400 Volllaststunden 250 kWh/qm/Jahr liegt.

Da nach Pfeilsticker der Nachwuchs an Biomasse bei 5 kWh/qm/Jahr liegt, braucht man auch im Allgäu für das Einsammeln der regenerativen Energien eine entsprechend große Fläche. Pfeilsticker: „Wenn man die Bürger mit regenerativen Energie versorgen will, ist für jeden von uns eine Fläche von circa 1 Hektar notwendig. Hinzu kommt das jeder Bundesbürger etwa 1/2 Hektar nur für seine Nahrungsmittel braucht.“ In vielen Gemeinden steht aber nicht so viel Land zur Verfügung. Beispielsweise leben in der Gemeinde Isny 14.500 Einwohner auf 8400 Hektar Fläche. Das bedeutet, dass die Isnyer eine Fläche von mindestens 20000 Hektar für die Nahrungsmittelversorgung und die Energieversorgung benötigen würden, um energieautark zu werden.

Größte Herausforderung: Wie motiviert man die Bürger zum Mitmachen?

Wenn schon in Gemeinden, in denen relativ wenige Menschen auf einem großen Stück Land leben, rein rechnerisch noch zu wenig Platz für die konsequente Erzeugung Erneuerbare Energien zu Verfügung steht, dann muss zunächst Energie eingespart werden. Gleichzeitig muss die lokal produzierte Erneuerbare Energie effizient generiert werden und dann technisch, wirtschaftlich politisch oder kulturell umstrittenere Technologien wie Windkraft, Geothermie oder Wasserkraft eingesetzt werden, um die Energiewende sauber umzusetzen. Daraus ergeben sich viele technisch und logistisch komplizierte Konfigurationen, die Bürger schnell verwirren und entmutigen.

Denn auch das ist klar: Es gibt keinen goldenen Weg zur „Freien Energiestadt“. Jede Stadt hat andere klimatische, wirtschaftliche, politische und kulturelle Voraussetzungen. Eine große Herausforderung ist es dabei, die Leidenschaft der Bürger zu entfachen. Denn nur, wenn die Bürger sich mit dem Projekt identifizieren, stolz auf die Erfolge sind und dabei bleiben, haben solche Projekte eine Chance. In der Serie werden wir daher exemplarisch die verschiedenen Ansätze von schwäbischen und bayerischen Mittelstädten im Allgäu untersuchen — und zwar nicht nur darauf, welche technischen Ansätze und Stoßrichtigen es gibt, sondern vor allem, wie die Projektantreiber die Bürger und Interessengruppen für langfristige Projekte motivieren, an welchen Stellschrauben gedreht werden. Vieles davon lässt sich auch in anderen Regionen Deutschlands umsetzen.

Bald stellen wir Ihnen im ersten Teil der Serie die Bestrebungen der Stadt Isny vor, die mit wissenschaftlicher Unterstützung Transparenz und Vorbildcharakter für die gesamte Region erreichen will.

Werbung

Hinterlasse eine Antwort