9/11 vor 10 Jahren

Vor 10 Jahren klingelte morgens das Telefon in meiner Wohnung in Portland: Mein Kumpel Patrick rief an, er hörte sich irgendwie atemlos an: “Mach den Fernseher an, die Welt geht gerade in New York unter“. Hä? Ich hatte keinen Fernseher, nur einen Internet-Anschluss, Videos davon gab es nicht. Und ich musste eine Kolumne für die Internet Professionell fertig bekommen. Heute. Ich hatte ein anderes Thema geplant. Aber mir ging so viel durch den Kopf, dass während des Surfens diese Kolumne entstand (erschienen in der Internet Pro, die es ja leider nicht mehr gibt):


New York brennt, das Netz weint
Ja spinnst Du, beide Türme vom World Trade Center sind gefällt und im Pentagon klafft ein Loch, größer als der Schlund eines Wals? Ich konnte es nicht glauben. Unfassbar. Die Stimme am anderen Ende der Leitung japste angestrengt und überschlug sich vor Aufregung: Schalte deinen Fernseher ein, dann siehst du es, live in Farbe. Terror, das kann Krieg bedeuten.

Sie kennen den Rest, die unglaublichen Bilder, Menschen springen verzweifelt von Häusern, solide Klötze klappen zusammen wie Kartenhäuser; überall eine chaotische Melange aus Feuer, Rauch, Dreck, Beton, Tränen und zerfetzten Leichenteilen.
Was ist mit meinen New Yorker Freunden? Instinktiv der Griff zum Hörer. Das Telefonnetz an der Ostküste: tot. Meine Emails verwinden im Schwarzen Loch: nichts.

Ein paar Stunden später trudeln die ersten Emails aus New York ein. “Wir leben”, heißt es lapidar. Dazwischen Spam: Lebensversicherungen, Pornos, Börsentipps, Penisvergrößerungen. Ich denke an Janice. Sie hat sich nicht gemeldet. Endlich erwische ich den Anrufbeantworter. Sie trällert: Bin gerade nicht verfügbar. Wo ist sie? TV und Radio analysieren lautstark um die Wette.

Im Web stürzt alles zusammen. Die großen Zeitungen und Magazine sind dem Online-Ansturm nicht mehr gewachsen, kommen mit Notausgaben. Grafisch abgespeckt, dafür schneller. Guter Service, warum nicht immer so?

Manche Server sind völlig dicht. Selbst Google schreibt auf der Startseite: ‘Wenn Sie nach Neuigkeiten zu den Terrorattacken suchen, die aktuellsten Nachrichten bekommen Sie im TV oder Radio.’ Also, Radio an, nebenbei andere Web-Sites suchen. In den Diskussionsforen der verschiedenen Tageszeitungen geht es heiß her: Die Täter sind schon ausgemacht, die Sprache ist gewalttätig, Schuldzuweisungen, jeder ist plötzlich ein ‘Mittlerer Osten’-Experte. Grüße aus der ‘Peanut Gallery’. Mir wird schlecht. Ich ärgere mich über die unausgegorenen, aggressiven Postings und gehe offline.

Wie finde ich Janice? Das Telefonnetz ist noch immer überlastet. Sie wird sich schon melden, denke ich mir und bin wieder online. Inzwischen habe ich ein paar sehr gute Diskussionsgruppen gefunden. Also gibt es im Web doch noch vernünftige Menschen. Jede Diskussionsgruppe bekommt die Teilnehmer, die sie verdient. Im Fernsehen werden feixende Kinder gezeigt, die triumphal auf den Straßen Ost-Jerusalems tanzen. Die Macht der Bilder. In den Newsgroups wird sogleich versichert: Das sind nur Kinder, alle anderen weinen. Die sofortige Antwort darauf: Von wegen, Tod allen imperialistischen Amerikanern, wir feiern! Meine Nackenhaare stellen sich hoch, ich fühle blinde Wut, lähmende Apathie und Trauer.

Nun werden die ersten Augenzeugenberichte online gestellt. Ich lese drei der langen, emotionalen Beschreibungen. Dann verschwimmt alles in meinen Augen. Ich muss raus. Draußen scheint die Sonne, Vögel zwitschern, ein Eichhörnchen rennt mit einem Apfel im Maul den Baum hoch.

Einen Tag später noch immer keine Nachricht von Janice. Mache mir jetzt langsam Sorgen. Ich finde eine Liste der Verstorbenen im Netz. Zuerst schaue ich mir jeden Namen genau an. Dann verhärtet sich mein Zeigefinger auf der ‘scroll down’-Taste, die Namen verschmieren zu einer unlesbaren schwarzen Masse. Begraben unter Geröll. Die Bastards! Das FBI rückt an bei den ISPs und bringt ´Carnivore’, einen ‚Fleischfresser’ mit. Das System wird an den Server des ISPs gedockt, durchsucht sämtliche Emails und Messengernachrichten. Als ob Terroristen AOL benutzen würden. “You’ve got mail: von Osama666.” PGP ist bombensicher und ich bin mir sicher, Anonymizer sind auch inzwischen bei den langhaarigen Bombenlegern aus der Wüste bekannt.

Wie sehr wird nun unsere Freiheit eingeschränkt? Wie weit sind wir bereit, unsere persönliche Freiheit gegen die öffentliche Sicherheit auszutauschen? Amerika wurde mit Low-Tech, vermutlich Küchen- und Teppichmessern, Bombendrohungen bekämpft. Organisiert wurde es jedoch mit High-Tech, modernster Kommunikation. Die Terroristen benutzen die selben Kabel wie wir – und die USA lieferte die Technologie, um es so abhörsicher wie möglich zu machen.

Lässt sich so etwas wieder zurück drehen? Ich glaube es nicht, habe gerade aber auch keine klugen Lösungen. Nur dringliche Fragen. Janice hat sich noch immer nicht gemeldet.

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