In 10.000 Stunden blind schreiben

Seit einer Weile trainiere ich das blinde Schreiben. Das ist nicht einfach, denn ich habe früher mit dem berühmt berüchtigten Zweifinger-Adler-Suchsystem geschrieben. Das ging auch flott, vor allem dann, wenn ich unter Dampf stand. Aber nun schreibe ich ja bekanntlich mit meinem Neo-10–Fingerlayout, das geht besser, ich habe keine Hand- und Sehnenbeschwerden mehr und es geht immer glatter.

Wenn ich an besonders schwierigen Texten schreibe, dabei keiner Storyline abarbeiten muss, sondern einfach meinen eigeren Gedankengängen folgen darf – so wie jetzt -, dann schließe ich die Augen, lehne mich zurück und schreibe wie ein Klaviespieler sich auf seine Musik konzentriert. Ich habe das mal bei Brad Mehldau gesehen, damals im Yosihis Jazz Club im kalifornischen Oakland gab er ein Konzert und wenn man nur die Augen geschlossen hatte, dann hörte man die tollste und leichteste, aber gleichzeitig auch die komplexeste Jazzklaviermusik überhaupt. Aber wie sah Brad dabei aus? Als würde er auf der Toilette sitzen und hätte dabei einige Beschwerden. Wirklich. Er saß ziemlich angestrengt über seinem Klavier gebeugt, die Augen waren geschlossen, man sah förmlich die Arbeit, die er in sein Werk steckte, um daraus so wunderbare Klänge zu bekommen. Auf seinen CDs hört man diese Anstrengungen nicht, nur das Ergebnis.

Und so ist es auch beim Schreiben. Jeder glaubt, gut schreiben zu können. Was andere schreiben, das bekommen wir doch locker hin, oder? Wer aber weiß, wieviel Kraft und Zeit ins Schreiben geht, der schätzt Schreibarbeiten auch anders ein. Denn der Schreibprozess ist ein ganz besonderer: Ein Schriftstück lässt sich nicht immer schnell zusammenkloppen und auch nicht in einem Guss in einer Art „brain dump” – so wie jetzt gerade – erstellen. In einem guten Stück stecken viele Überarbeitungen, die man nicht erkennt, weil man ja nur das Ergebnis in die Hände bekommt. Und dann liest sich alles flüssig. Sollte es zumindest.

Schreiben, schreiben, schreiben…

Um aber dorthin hinzukommen, bedarf es viel Fingerspitzengefühl und den Mut, Quatsch wegzustreichen und vor allem auch die Favoriten, die man ganz besonders gern geschrieben hat, einfach loszulassen. Zunächst kann man eine Menge schreiben, dann geht es ans Zusammenstückeln. Hier gilt die ale Regel: Schneide mehr ab als Du denkst, überlege ganz genau, ob die Info da sein sollte und irgendwohin führt, oder ob die Absätze nur aus purer Eitelkeit geschrieben wurden, um uns selbst oder anderen imponieren sollen. Vieles kann vereinfacht werden. Romane können Sie abends nach der Arbeit schreiben.

Aber zurück zum Blindschreiben: Ich merke, dass ich noch viel Arbeit reinstecken muss, denn ich schaue doch immer auf den Bildschirm, um zu kontrollieren, ob meine Finger immer noch auf den richtigen Tasten ruhen oder ich nun schon verrutscht bin und mehrene Zeilen mit einem unverständlichen Kauderwelsch beschrieben habe. Wie machen das wohl Blinde? Müssen die sich auch korrigieren, lassen sie sich das alles vorlesen? Da muss wohl jeder Tastendruck sitzen.

In 10.000 Stunden lernt man alles – man muss nur die Zeit dafür haben

Es gibt die 10.000 Stundenregel, die besagt, dass man etwas mindestens 10.000 Stunden trainieren muss, um etwas zu meistern. Die Hypothese: Es ist ganz egal, was man da trainiert, nach 10.000 Stunden sollte man soweit sein. Das ist eine ganze Menge und hätte ich die Regel früher schon mal gekannnt, dann wäre ich jetzt ein gutes Stück weiter. Brad Mehldau hat diese 10.000 Stunden sicherlich schon reingesteckt. Wenn er jeden Tag 5 Stunden am Klavier sitzt, dann sind das in einer Woche 35 Stunden, in einem Monat 140 Stunden.

Um auf die 10.000 Stunden zu kommen, müsste man man also fast 6 Jahre konsistent 5 Stunden pro Tag trainieren. Und dann sollte man auch noch das nötige Talent haben. Wer die Sache langfristig angeht, schafft es auch. Dazu gehört halt viel Durchhaltevermögen, denn bei einer Stunde pro Tag kommt man erst in 30 Jahren auf die 10.000 Stunden. Aber der Weg dahin ist wichtig. Wer das konsistent durchzieht, schafft eine Menge. Ghandi sagte mal: Lebe so als würdest Du morgen sterben, aber lerne so als ob Du niemals den Tod finden würdest. Oder so ähnlich.

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