Willkommen, Mustafa. Tschüss, Reiner

Wenn ich die verschiedenen Beiträge über Facebook und die erodierende Privatsphäre lese, dann muss ich mich doch sehr wundern: Vor vielen Jahren, sagen wir mal vor mindestens 10 Jahren, haben wir in jedes Web-Formular noch einen anderen Namen und eine E-Mailadresse eingetragen, die wir nicht kannten. Ich weiß nicht warum, aber ich habe meistens Ron Sommer und ronsommer@t-online.de eingegeben. Das ist lange her. Niemand hat einen Klarnamen bei den Registrierungen eingegeben und wenn, dann ging die Registrierung an eine generische E-Mailadresse, die ich nur für solche Zwecke eingerichtet hatte.

Seit einigen Jahren bemerkte ich, dass immer mehr Leute „ehrlich” wurden (oder eben Newbies dazukamen, die es immer waren) und die richtigen Namen, sogar die richtigen Adressen in die Formulare eingaben. Das waren dann die Web-Nachzügler, die dachten, dass man es eben so machen müsse. Bei Grün geht man über die Ampel, auch wenn kein Auto weit und breit zu sehen ist. Oder doch schnell rüberflitzen? Und auch ich bin ehrlicher geworden, gebe meistens meinen Namen richtig ein und lasse alles an meine Haupt-E-Mail-Adresse schicken. Hauptsache man hat einen guten Spamfilter.

Seit einer Weile beobachte ich den Trend zu den “one-page-Websites”. Solche Seiten aggregieren meine ganzen social network-Inhalte und veröffentlichen alles auf einer Seite. So wie meine Google Profile Page.  Über Google ist die Seite übrigens nicht auffindbar. Erstaunlich. Von den one-page-Startseiten gibt es verschiedene, schön sind flavor.me und dooid.com. Standardmäßig kann sich dann auch jeder noch eine Visitenkarte runterladen und genau auf einer Karte schauen, wo meine Adresse ist. Warum sollte man das alles im Web verteilen? Zumal ich morgen schon wieder meine registrierte Dooid-ID vergessen habe.

Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, einen Web-Kunstnamen zu entwickeln und in den sozialen Netzwerken nur noch mit diesem Namen aufzutreten. Quasi als „Marke”. Das müsste man mal überlegen. Ich werde also testweise meinen Namen umbenennen in Robert Gassner. Ganz konsequent, mit einer Fake-Adresse. Wer mich kennt, der weiß, dass ich mit dem Namen unterwegs bin. Wer nicht, der kann lange suchen. Vielleicht sollte ich aber den Namen mal googlen….

Moment, Mist, den Namen gibt es schon und in Facebook gibt es auch schon jemanden, der sich so nennt. Vielleicht nenne ich mich besser um, nehme eine eher ungewöhnliche Kombination. Mustafa Meierried, das gibt es bestimmt nicht so oft. Mal sehen… Super, dazu findet Google gar nichts. Jetzt kann ich mal tracken, was und wie Mustafa Meirried demnächst auftaucht. Ein soziales Experiment. Aber halt, wenn ich das nun in meinem Blog veröffentliche, dann wir Mustafa Meierried ja sofort gefunden und wer es liest, assoziiert den Namen mit meiner Identität.

Es ist verflixt. Das heißt, für mein kleines Experiment müsste ich mir einen anderen Namen zulegen, den ich nicht hier in meinem Klarnamen-Blog veröffentliche. Dann muss man mal sehen. Es müsste eine Kombination sein, für die Google nichts ausspuckt und die auch in Facebook und co. noch unbesetzt ist. Das ist nicht einfach. Vielleicht bleibe ich bei Mustafa Meierried und es ist ja auch egal, wenn Google dann mehr über ihn findet, weil ich Mustafa ja testweise wie in einem Roman leben lassen, ihn so leben lassen würde, wie ich mir es vorstelle. Nicht so wie ich lebe, denn das wäre ja langweilig.

Alter Ego Mustafa müsste aktiv sein, um von Google gesehen zu werden. Das schaffen wir doch.  Ich werde also einen Google-E-Mail-Account für ihn einrichten, bevorzugt Mustafa.Meierried@google.com. Dann brauche ich ein Profilbild, da wäre ein stark verändertes Profilbild sinnvoll. Und dann will ich schauen, welche digitalen Spuren Mustafa hinterlässt.

Klar, Mustafa müsste hier und da mal Kommentare posten, die Einstellungen für die Privatsphäre in Facebook übersehen und er müsste hier und da sich für neue Dienste registrieren. So wie ich das mit meinem eigenen Accounts auch mache. Sollte ich dem Mustafa auch eine falsche Adresse zuordnen? Warum nicht. Ich weiß noch nicht, wie weit ich das vorantreiben will, aber für den Spaß wäre es doch wert. Ich könnte dann immer mal wieder berichten, welche Spuren Mustafa hinterlassen hat.

Jetzt könnten Sie sagen, dass es völlig egal ist, ob man Spuren hinterlässt, denn das macht man ja sowieso. Doch das Netz vergisst eben nichts. Manchmal ist das gut und wenn man es gezielt macht, dann noch besser. Doch meistens werden da nur Daten gesammelt, die uns nutzlos erscheinen, aber im Cluster spannend werden. Deswegen sollte man sich da raushalten. Es ist letztendlich zu spät dafür. Ich bin seit 1993 im Web, die alten Sachen von mir sind nur noch im Internet-Archiv und ich habe in den sozialen Netzen alles so eingetragen, dass alles bei meinen Freunden bleibt. Das denke ich wenigstens. Aber eine Identitätspause muss jeder bekommen. Mustafa Meierried lebt. Zumindest im Netz.

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