Noch vor wenigen Jahren schrieb ich bestimmt die Hälfte meiner Schreibzeit mit der Hand, „long hand” sagt man im Englischen. Für die kreativen Schriften musste ich immer erst etwas zu Papier bringen, meinen Gedanken konnte ich so freien Lauf geben. Wahrscheinlich, weil ich so meinen „inneren Redakteur” austricksen konnte, denn ich schrieb immer weiter, ganz egal, ob das nun Blödsinn war oder nicht.
Den Pakt hatte ich schon vor vielen Jahren mit mir geschlossen. Ich schreibe, um zu vergessen, nicht um es aufzubewahren. Daher kann ich mit voller Lust schreiben, weil ich weiß, dass ich eben nicht gleichzeitig auch wieder die „zurück”-Taste drücke, um die mühsam erdachten Worte gleich wieder zu löschen. Wenn ich mit der Tastatur unterwegs bin, dann lasse ich vielen Worten und Sätzen keine Chance zum Atmen, lösche sie sofort, um Platz für neue Worte und Sätze zu bekommen.
Das war damals anders. Vieles in meinen Journals war natürlich völlig Quatsch und sehr ego-zentriert. Meine Sorgen, Freuden und Ängste habe ich aufgeschrieben, an meiner Handschrift konnte ich nach nur wenigen Worten erkennen, in welcher Stimmungslage ich mich befand. Manchmal floss es nur dahin, an anderen Tagen war meine Schrift krakelig und auch der gesamte Schreibprozess war irgendwie unrund, als wären meine Handgelenke spröde, nicht geschmeidig.
Zunehmend schlich sich dann die Tastatur in mein Schreibleben. Das hat natürlich viel damit zu tun, dass ich momentan kaum noch Zeit zum guten alten Journaling in Kaffeehäusern habe, sondern die Tastatur nur noch als Arbeitstier begreife. Zudem habe ich mit der NEO-Tastatur nun eine Möglichkeit gefunden, recht flüssig und zunehmend schneller Worte auf den Bildschirm zu bekommen. Zwar ist es noch immer nicht so, dass meine Worte aus dem Kopf nahezu magisch über die Finger in den Computer geleitet werden, doch es geht immer flüssiger. Das Ziel ist klar: Ich will die Augen schließen können oder aus dem Fenster starren und dabei schreiben, schreiben, schreiben. Danach bleibt viel Zeit zum Redigieren.
Warum sollte man aber nun auf eine gute Handschrift achten? Ich habe das schon seit einer Weile bemerkt, dass meine Handschrift eckiger wird. Gestern musste ich etwas handschriftlich verfassen und war überhaupt nicht mehr mit meinem Schriftbild zufrieden. Meine Schrift ist nicht die Schönste, aber Kenner sehen darin sofort eine Vielschreiberschrift. Jetzt ist die Schrift nicht mehr konsistent, nicht mehr rund, sondern unruhig, sie passt hinten und vorne nicht. Andere sehen das wahrscheinlich nicht, aber es reicht, dass ich damit nicht mehr einverstanden bin. Daher werde ich wieder mehr mit meiner Hand schreiben, mich dem echten Handwerk widmen und wieder mit meinen geliebten Füllern auf dickem Papier schreiben. Die Hand wird zunächst wieder schmerzen, denn die Schreibmuskeln müssen wieder aufgebaut werden.
Vor einigen Jahren startete ich schon einmal ein solches Projekt: Weniger E-Mails und mehr Briefe schreiben, schwor ich mir. Lange hielt ich nicht durch. Vielleicht war es zu ambitioniert. Deswegen werde ich mir das Ziel weiter stecken. Ich will einfach wieder mehr zu Papier bringen. Mehr nicht. Heute habe ich einen Brief von meiner Schwieger-Großmutter aus Australien bekommen. Sie schreibt leidenschaftlich gerne Briefe. Und ich weiß das zu schätzen, denn sie braucht dafür viel Zeit. Wenn also demnächst ein Brief einflattert und der von mir ist, dann ist das ein gutes Zeichen. Denn die Kunst des Briefeschreibens sollten wir uns doch bewahren. Also, wann bekomme ich mal wieder einen handgeschriebenen Brief, der nicht aus Australien von meiner Schwieger-Oma kommt? Ich bin gespannt.
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